Die Arbeit der Nacht: Roman

Roman
Gebunden
(396 Seiten)
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ISBN-13:
9783446207622
Einband:
Gebunden
Erscheinungsdatum:
31.07.2006
Seiten:
396
Autor:
Thomas Glavinic
Gewicht:
581 g
SKU:
INF3002118949
Sprache:
Deutsch
Beschreibung:

Jonas ist allein. Zuerst ist es nur eine kleine Irritation, als die Zeitung nicht vor der Tür liegt und Fernseher und Radio nur Rauschen von sich geben. Dann jedoch wird Jonas klar, dass seine Stadt, Wien, menschenleer ist. Ist er der einzige Überlebende einer Katastrophe? Sind die Menschen geflüchtet? Wenn ja, wovor? Jonas beginnt zu suchen. Er durchstreift die Stadt, die Läden, die Wohnungen und bricht schließlich mit einem Truck auf, um nach Spuren der Menschen suchen. Mit wachsender Spannung erzählt Thomas Glavinic davon, was Menschsein heißt, wenn es keine Menschen mehr gibt.
Jonas ist allein. Zuerst ist es nur eine kleine Irritation, als die Zeitung nicht vor der Tür liegt und Fernseher und Radio nur Rauschen von sich geben. Dann jedoch wird Jonas klar, dass seine Stadt, Wien, menschenleer ist. Ist er der einzige Überlebende einer Katastrophe? Sind die Menschen geflüchtet? Wenn ja, wovor? Jonas beginnt zu suchen. Er durchstreift die Stadt, die Läden, die Wohnungen und bricht schließlich mit einem Truck auf, um nach Spuren der Menschen suchen. Mit wachsender Spannung erzählt Thomas Glavinic davon, was Menschsein heißt, wenn es keine Menschen mehr gibt.
»Guten Morgen!« rief er in die Wohnküche. Er trug das Frühstücksgeschirr zum Tisch, nebenbei drehte er den Fernseher auf. An Marie schickte er eine SMS. Gut ­geschlafen? Habe von dir geträumt. Dann festgestellt, daß ich wach war. I. l. d. Der Bildschirm flimmerte. Er schaltete von ORF zu ARD. Kein Bild. Er zappte zu ZDF, RTL, 3sat, RAI: Flimmern. Der Wiener Lokalsender: Flimmern. CNN: Flimmern. Der französische, der türkische Sender: kein Empfang. Vor der Tür lag statt des Kurier auf dem Fußabstreifer nur ein alter Reklamezettel, den er aus Faulheit noch nicht entfernt hatte. Kopfschüttelnd zog er aus dem Stapel im Flur eine Zeitschrift der Vorwoche und kehrte zu seinem Kaffee zurück. Abonnement kündigen, notierte er im Geist. Schon vergangenen Monat hatte er einmal keine Zeitung bekommen. Er blickte sich im Zimmer um. Über den Boden verstreut lagen Hemden, Hosen und Strümpfe. Auf der Anrichte stand das Geschirr vom Vorabend. Der Müll roch. Jonas verzog das Gesicht. Er sehnte sich nach ein paar Tagen am Meer. Er hätte Marie begleiten sollen. Trotz seiner Abneigung gegen Verwandtschaftsbesuche. Als er sich noch eine Scheibe Brot abschneiden wollte, glitt das Messer ab und fuhr ihm tief in den Finger. »Mist! Ah! Da soll doch...« Mit zusammengebissenen Zähnen hielt er die Hand unter kaltes Wasser, bis kein Blut mehr nachfloß. Er untersuchte die Wunde. Der Schnitt war bis auf den Knochen gegangen, schien jedoch keine Sehne verletzt zu haben. Auch Schmerzen fühlte Jonas nicht. In seinem Finger klaffte ein sauberes Loch, und er konnte den Knochen sehen. Ihm wurde flau zumute. Er atmete tief durch. Was er da sah, hatte noch nie ein Mensch gesehen. Auch nicht er selbst. Er lebte mit diesem Finger seit fünfunddreißig Jahren, doch wie es im Inneren aussah, wußte er nicht. Er wußte nicht, wie sein Herz aussah oder seine Milz. Nicht, daß er besonders neugierig darauf gewesen wäre, im Gegenteil. Aber unzweifelhaft war dieser blanke Knochen ein Teil von ihm. Den er erst heute sah. Nachdem er den Finger verbunden und den Tisch abgewischt hatte, war ihm der Appetit vergangen. Er setzte sich an den Computer, um Mails abzurufen und die Weltnachrichten zu überfliegen. Die Startseite des Browsers war die Homepage von Yahoo. Statt dessen erschien eine Server- error-Meldung. »Ja Himmeldonnerwetter noch einmal!« Da ihm noch Zeit blieb, wählte er die Nummer von Telekabel. Das Band, das Anrufer weitervermittelte, schaltete sich nicht ein. Er ließ es lang läuten. An der Bushaltestelle entnahm er dem Aktenkoffer die Wochenendbeilage der Zeitung, für die er an den Tagen zuvor keine Zeit gehabt hatte. Die Morgensonne blendete ihn. Er suchte in den Jackentaschen, doch dann erinnerte er sich, daß die Sonnenbrille auf dem Garderobenkästchen lag. Er sah nach, ob Marie schon zurückgeschrieben hatte. Er nahm die Zeitung wieder auf und blätterte zu den Schöner wohnen-Seiten. Es fiel ihm schwer, sich auf den Artikel zu konzentrieren. Etwas irritierte ihn. Nach einer Weile merkte er, daß er wieder und wieder denselben Satz las, ohne den Inhalt aufzunehmen. Die Zeitung unter den Arm geklemmt, machte er ein paar Schritte. Als er den Kopf hob, stellte er fest, daß außer ihm niemand zu sehen war. Daß kein Mensch da war und daß keine Autos fuhren. Ein Scherz, kam ihm in den Sinn. Und: Es muß Feiertag sein. Ja, das erklärte einiges: ein Feiertag. An einem Feiertag lassen sich die Techniker von Telekabel mehr Zeit, um eine defekte Leitung zu reparieren. Und die Busse fahren in längeren Intervallen. Und es sind weniger Leute auf der Straße. Bloß war der 4. Juli kein Feiertag. Jedenfalls nicht in Österreich. Er lief zum Supermarkt an der Ecke. Geschlossen. Er legte die Stirn gegen die Scheibe und beschattete die Augen mit den Händen. Niemand zu sehen. Also doch Feiertag. Oder ein Streik, dessen Ankündigung er verpaßt hatte. Während er wieder auf die Haltestelle zuging, blickte er sich um, ob der 39A nicht doch um die Ecke bog. Er rief Maries Mobiltelefon an. Sie meldete sich nicht. Nicht einmal das Band schaltete sich ein. Er wählte die Nummer seines Vaters. Auch der meldete sich nicht. Er versuchte es im Büro. Niemand hob ab. Weder Werner noch Anne waren zu erreichen. Verwirrt steckte er das Telefon in die Sakkotasche. In diesem Moment wurde ihm bewußt, daß es vollkommen still war. Er ging zurück in die Wohnung. Er schaltete den Fernseher ein. Flimmern. Er schaltete den Computer ein. Server error. Er schaltete das Radio ein. Rauschen. Er setzte sich auf die Couch. Er konnte keine Ordnung in seine Gedanken bringen. Seine Hände waren feucht. Von einem fleckigen Zettel an der Pinnwand las er Zahlen ab, die Marie ihm schon vor Jahren notiert hatte. Die Nummer ihrer Schwester, die sie in England besuchte. Er wählte. Das Läuten klang anders als bei Anrufen in Österreich. Tiefer, und jedes Läuten bestand aus zwei kurzen Tönen. Nachdem er diese zum zehntenmal gehört hatte, legte er auf. Als er wieder aus dem Haus trat, linste er nach links und rechts. Auf dem Weg zum Auto hielt er sich nicht auf. Ein paarmal blickte er über die Schulter zurück. Er blieb stehen und horchte. Da war nichts. Keine davoneilenden Schritte, kein Räuspern, kein Atem. Nichts. Die Luft im Inneren des Toyota war stickig. Das Lenkrad war heiß, und er konnte es nur mit den Handballen und mit dem verbundenen Zeigefinger berühren. Er kurbelte das Fenster herunter. Draußen war nichts zu hören. Er knipste das Radio an. Rauschen. Auf allen Kanälen. Er fuhr über die leere Heiligenstädter Brücke, auf der die Autos gewöhnlich dicht an dicht standen, und nahm die Lände stadteinwärts. Er hielt nach Leben Ausschau. Oder wenigstens nach einem Zeichen, das ihm verriet, was hier geschehen war. Aber alles, was er sah, waren abgestellte Autos. Geparkt ganz vorschriftsmäßig, als seien ihre Besitzer nur für einen Moment in einen Hausflur verschwunden. Er kniff sich in die Beine. Kratzte sich die Wangen. »Hey! Hallo!« Am Franz-Josef-Kai wurde er von einem Radarkasten ­geblitzt. Weil ihm die höhere Geschwindigkeit Sicherheit verlieh, fuhr er über siebzig. Er bog in die Ringstraße ein, die das Zentrum Wiens von den anderen Bezirken trennt, und beschleunigte weiter. Am Schwarzenbergplatz erwog er, anzuhalten und ins Büro hinaufzulaufen. Mit neunzig ging es vorbei an der Oper, am Burggarten, an der Hofburg. Im letzten Moment bremste er und fuhr durch das Tor auf den Heldenplatz. Weit und breit kein Mensch. An einer roten Ampel blieb er mit quietschenden Reifen stehen. Er stellte die Zündung ab. Nichts als das Knistern unter der Motorhaube war zu vernehmen. Er fuhr sich durchs Haar. Er wischte sich die Stirn ab. Er verschränkte die Hände ineinander und ließ die Fingerknochen knacken. Plötzlich fiel ihm auf, daß nicht einmal Vögel zu sehen waren. In hohem Tempo umrundete er den ersten Bezirk, bis er wieder am Schwarzenbergplatz ankam. Er bog rechts ab. Kurz nach der nächsten Ecke hielt er. Im zweiten Stock dieses Hauses lag die Firma Schmidt. Nach allen Seiten sah er sich um. Er blieb stehen, horchte. Er lief ein paar Meter vor zur Kreuzung. Spähte in die umliegenden Straßen. Geparkte Autos. Sonst nichts. Eine Hand an die Stirn legend, blickte er zu den Fenstern hinauf. Er rief den Namen seiner Chefin. Er drückte die schwere Haustür des Altbaus auf. Kühle, abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Von der Helligkeit draußen geblendet, zwinkerte er. Der Flur war dunkel, schmutzig und verlassen wie je. Die Firma Schmidt erstreckte sich über den gesamten zweiten Stock. Im Ganzen waren es sechs Zimmer, die Jonas durchlief. Er bemerkte nichts Ungewöhnliches. Die Bildschirme standen auf den Schreibtischen, daneben stapelten sich Papiere. An den Wänden hingen die grellen Bilder von Anzingers malender Tante. Martinas Zimmerpflanze war an ihrem Platz neben dem Fenster. In der von Frau Pedersen eingerichteten Kinderecke lagen Bälle, Bauklötze und Plastiklokomotiven wie gerade verlassen. Überall verstellten sperrige Pakete mit den vor kurzem gelieferten Katalogen den Weg. Auch der Geruch hatte sich nicht verändert. In der Luft lag jene Mischung von Holz, Stoff und Papier, an die man sich entweder sofort gewöhnte oder die einen nach wenigen Tagen kündigen ließ. An seinem Schreibtisch fuhr er den Computer hoch. Er versuchte, eine Verbindung ins Netz zu bekommen. Die Seite kann nicht angezeigt werden. Möglicherweise sind technische Schwierigkeiten aufgetreten, oder Sie sollten die Browsereinstellungen überprüfen. Er klickte in die Adreßzeile und tippte: orf.at Die Seite kann nicht angezeigt werden. cnn.com Die Seite kann nicht angezeigt werden. rtl.de Die Seite kann nicht angezeigt werden. Versuchen Sie folgendes: Klicken Sie auf Aktualisieren, oder wiederholen Sie den Vorgang später. Unter seinen Schuhen knarrte der alte Holzboden, während er erneut von einem Zimmer ins nächste ging. Sorgfältig suchte er nach etwas, was Freitag abend noch nicht dagewe- sen war. An Martinas Telefon wählte er ein paar gespeicherte Nummern. Anrufbeantworter meldeten sich. Er redete wirr, stammelte, und zuletzt sagte er seine Telefonnummer. Mit wessen Anschluß er verbunden war, wußte er nicht. In der Teeküche nahm er eine Limonade aus dem Kühlschrank. Er trank sie ohne abzusetzen leer. Nach dem letzten Schluck drehte er sich abrupt um. Es war niemand zu sehen. Als er sich die zweite Dose nahm, wandte er den Blick nicht von der Tür. Zwischen dem einen und dem nächsten Schluck machte er Pausen, um zu lauschen. Er hörte jedoch nur das Zischeln der Kohlensäure in der Dose. Ruf mich bitte sofort an! Jonas. Er klebte das Post-it an den Bildschirm von Martinas Computer. Ohne noch einmal die anderen Zimmer zu kontrollieren, beeilte er sich, zur Tür zu kommen. Es war ein Schnappschloß, er sperrte nicht zu. Die Treppe hinab nahm er mit jedem Schritt drei Stufen auf einmal.
Jonas ist allein. Zuerst ist es nur eine kleine Irritation, als die Zeitung nicht vor der Tür liegt und Fernseher und Radio nur Rauschen von sich geben. Dann jedoch wird Jonas klar, dass seine Stadt, Wien, menschenleer ist. Ist er der einzige Überlebende einer Katastrophe? Sind die Menschen geflüchtet? Wenn ja, wovor? Jonas beginnt zu suchen. Er durchstreift die Stadt, die Läden, die Wohnungen und bricht schließlich mit einem Truck auf, um nach Spuren der Menschen suchen. Mit wachsender Spannung erzählt Thomas Glavinic davon, was Menschsein heißt, wenn es keine Menschen mehr gibt.

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